Drei Sportarten, ein Ziel - folgt uns auf dem Weg zu den Olympischen und Paralympischen Winterspielen in Italien. Wie unterstützt die Wissenschaft den deutschen Spitzensport? Was ist in den letzten Monaten vor den Wettkämpfen entscheidend?
Idee, Text: Anne Mesecke | Bilder: Patrice Marker | Datenvisualisierung: Alexandra Eberhardt
Folgt uns bei Instagram um keinen neuen Beitrag zu verpassen!
Ein klarer, kalter Septembermorgen in Oberhof. 8 Uhr trifft sich das Elite-Team der Skilanglauf-Herren an einer Rollerbahn mitten im Wald. Noch 8 Wochen bis zum Saisonstart. Noch 4 Monate bis Olympia.
"Beim Test kristallisieren sich verschiedene Athleten-Typen heraus, eine für uns wichtige Information in der Trainingssteuerung", Dr. Axel Schürer, IAT-Fachgruppenleiter Skilanglauf.
Axel Schürer ist als IAT-Wissenschaftler gemeinsam mit Björn Sterzing Teil des deutschen Skilanglaufteams. Jetzt, zur Oktober-Testwoche in Oberhof, ist der Großteil der Vorbereitungperiode geschafft: Vor dem Feintuning steht die letzte große Standortbestimmung vor der Olympiasaison an.
Auch Jan Stölpen absolviert den Max-Test. Er ist einer der Athleten, die wenige Monate später den Sprung ins Olympia-Team schaffen werden.
An der Weltspitze im Skilanglauf sind bei jedem Rennen circa 25 Sportler*innen in der Lage um einen Podestplatz mitzukämpfen. Die Leistungsdichte ist extrem hoch, die Unterschiede marginal. Entscheidend ist es deshalb, klug zu trainieren.
Axel Schürer | IAT
Langlauf ist ein Sport mit höchsten physiologischen Anforderungen. Dazu kommen hohe motorische Kompetenzen, Kraft, Schnelligkeit - bei uns ist einfach ein sehr kompletter Athlet gefragt. Axel Schürer | IAT
Herren-Disziplintrainer Marc Steur: Was müssen die Sportler mitbringen?
Diese Komplexität und Härte spiegelt sich im Trainingsalltag wider: Ein Spitzen-Langläufer trainiert 900 bis 1.000 Stunden pro Jahr – verteilt auf unterschiedlichste Trainingsmittel und -methoden:
Von Skirollern im Sommer über Cross-Training bis zum intensiven Ski-Training im Winter - die Trainingsgestaltung ist so vielseitig wie die Anforderungen der Sportart selbst.
Trainingsstunden pro Jahr
Wie behält man bei dieser Komplexität den Überblick?
Ein entscheidendes Werkzeug dafür ist IDA – die Monitoring-Plattform für das deutsche Skilanglaufteam, entwickelt am IAT.
"Morgens schauen wir zuerst in IDA, wie es unseren Sportlern geht", Marc Steur, Disziplintrainer Herren Skilanglauf
Wir sehen auf einen Blick, wie war die Nacht, wie hat alles funktioniert, wie fühlen sie sich, können wir das geplante Training umsetzen. IDA ist das Planungs- und Monitoringstool für uns Trainer.
Marc Steur | Disziplintrainer Herren Skilanglauf
📋 TRAININGSPLANUNG: Das Team plant das gesamte Jahr – vom Makrozyklus bis zur einzelnen Einheit 📊 TRAININGSDOKUMENTATION: Athleten protokollieren jede Einheit – Was wurde gemacht? Wie hat es sich angefühlt? 💓 TÄGLICHES MONITORING: Befindlichkeit, Schlaf, Ruheherzfrequenz – die tägliche Standortbestimmung 🔬 LEISTUNGSDIAGNOSTIK: Testergebnisse wie hier aus Oberhof fließen direkt ins System 🏆 WETTKAMPFERGEBNISSE: Alle Rennen der Saison – der Erfolg wird messbar
*für Details aufklappen
Diese Datenfülle ermöglicht präzise Steuerung. Wie funktioniert das im Alltag? Jeden Morgen öffnet der Trainer IDA. Ein Ampelsystem zeigt sofort, was die Sportler dokumentiert haben:
🟢 Grün – Athlet bereit für Training 🟡 Gelb – Aufmerksam beobachten 🟠 Orange/Rot – Genauer hinschauen, eventuell anpassen
Ein Beispiel: Die Ruheherzfrequenz steigt über mehrere Tage, der Athlet fühlt sich erschöpft, ohne Hinweise auf eine trainingsinduzierte Ermüdung.
Das ist meistens ein Zeichen, dass ein Athlet irgendwie anfängt zu wackeln, einen kleinen Infekt hat . Und dann ist das der Zeitpunkt, wo man ganz klar als Trainer reagieren kann und sagt, okay, dann machst du heute Ruhe.
Um genau zu verfolgen, mit welcher Qualität das Training individuell wirkt, integrierte das IAT-Team in den Monaten vor Italien zusätzliche mobile Tests direkt im Training.
"Wir wollten dieses Jahr noch engmaschiger testen, ob im Training tatsächlich das erreicht wird, was wir wollen.", so Axel Schürer.
"Im Rahmen unseres Forschungsprojekts war für uns außerdem wichtig herauszufinden, welche Parameter diese Leistungsfähigkeit bestmöglich abbilden."
Björn Sterzing (IAT) bei der Spiroergometrie am Stützpunkt in Oberstdorf im Oktober 2025.
Björn Sterzing und Marc Steur, Herren-Bundestrainer, bei der Testauswertung.
Die enge Zusammenarbeit zwischen Trainern, Wissenschaftlern und Athleten ist entscheidend. Nur wenn alle am gleichen Strang ziehen und einander vertrauen, funktioniert diese Art der Trainingssteuerung.
Monitoring zeigt, wo ein Athlet heute steht. Aber was, wenn man in Sekunden sehen könnte, wohin das geplante Training ihn morgen führen wird? Genau hier setzt die neueste IDA-Entwicklung an.
Zurück in Oberhof: Direkt nach dem Feldtest auf der Rollerbahn geht es zum Stützpunkt für weitere Tests auf dem Laufband.
Björn Sterzing (IAT) bei der Vorbereitung zur Spiroergometrie.
Gemeinsam mit den Disziplintrainern und dem Team des Olympiastützpunkts führen Axel und Björn heute vier verschiedene Testvarianten durch.
Friedrich Moch beim Rampentest am Stützpunkt in Oberhof.
Auf Grundlage der Testergebnisse besprechen Athlet und Trainerteam die individuelle Trainingsplanung.
Das IAT nutzt dafür den ACWR – ein etabliertes Rechenmodell, welches die akute Trainingsbelastung der letzten Woche mit der chronischen Belastung der letzten 4 Wochen ins Verhältnis setzt: 🟢 1,0-1,3 = Entwickelndes Training – Optimale Zone 🟡 0,8-1,0 = Erhaltendes Training 🔴 >1,3 = Überforderungsrisiko
Alle Daten zur Leistungsentwicklung auf einen Blick.
Bisher zeigte sich damit, wo ein Athlet aktuell steht. Jetzt haben die IAT-Entwickler eine neue Funktion integriert: Das Modell gleicht in Sekundenschnelle den tagesaktuellen IST-Stand mit dem geplanten Training ab und rechnet in die Zukunft. Das Team sieht also nun, wohin der geplante Trainingsweg führen würde – bevor das Training stattfindet.
"Ich kann jetzt auf der Grundlage des IST-Trainings des Athleten, in die Zukunft schauen und sehen, wo konkret komme ich denn mit meinem Plan raus", Axel Schürer | IAT
Es ist besser, sich auf einfache Dinge zu konzentrieren und eine Compliance zu entwickeln, dass diese einfachen Dinge aber kontinuierlich gemacht werden. Genau das macht es möglich, manche Fehler nicht zu machen, weil man im Vorfeld die eine oder andere Situation eher erkennt."
Axel Schürer | IAT
Zur Compliance der einfachen Dinge | Axel Schürer
Du möchtest erfahren, was auf dem Weg zu den Sommerspielen in Paris wichtig war? Hier geht es zu den Beiträgen von 2024 (Link).